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Alarmsignal aus den Schulen: Was unsere Kinder nicht mehr können – und warum

  • andreadibiase
  • 14. Dez. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Stellen Sie sich vor: Ein Kind in der 3. Klasse weiss nicht, wie spät es ist. Es kennt seine eigene Adresse nicht. Und wenn es Geld in der Hand hält, kann es den Wert der Münzen nicht benennen. Was zunächst wie ein Extremfall klingt, ist zur besorgniserregenden Realität geworden – nicht nur laut einer amerikanischen Lehrerin (@mommy_n_zachy), sondern auch aus zahlreichen Gesprächen, die ich als Schulpflegerin mit Lehrpersonen führe. Die Alarmzeichen häufen sich.


Die Schweizer Realität: Zahlen, die aufhorchen lassen


Die Situation in der Schweiz gibt Anlass zur Sorge. Im PISA-Test 2022 (veröffentlicht im Dezember 2023) lag die Schweiz zwar über dem OECD-Durchschnitt, doch erreichen 19 Prozent der 15-jährigen Jugendlichen die von der OECD beschriebenen Mindestanforderungen an eine mathematische Grundbildung nicht. Beim Lesen sieht es nicht besser aus: Der Anteil von leistungsschwachen Schülern liegt bei 25 Prozent. Ein Viertel aller 15-Jährigen kann also kurz vor dem Ende der obligatorischen Schulausbildung nur ungenügend lesen. Bis heute hat sich diese Entwicklung nicht verbessert.

Noch dramatischer sind die Ergebnisse aus der Nordwestschweiz: In der 3. Primarklasse reduzierte sich der Lernfortschritt um ein Drittel. Ende Schuljahr im Juli hat ein heutiges Kind im Durchschnitt erst den Lernstand vom März.


Aktuelle PIAAC-Studie 2024: Die Probleme setzen sich im Erwachsenenalter fort

Die im Dezember 2024 veröffentlichte PIAAC-Studie der OECD bestätigt: Die mangelnden Grundkompetenzen aus der Schulzeit verschwinden nicht einfach. 22 Prozent (rund 1,25 Millionen) der Erwachsenen in der Schweiz haben geringe Lesekompetenzen – das heisst, sie können nur kurze, sehr einfache Texte verstehen oder Informationen nur finden, wenn diese klar angegeben sind. Knapp 19 Prozent (1,06 Millionen Personen) weisen geringe Rechenkompetenzen auf, und 24 Prozent (1,38 Millionen Personen) haben Mühe beim adaptiven Problemlösen.


Insgesamt haben rund 1,67 Millionen Menschen in der Schweiz – etwa 30 Prozent der 16- bis 65-Jährigen – in mindestens einem dieser drei grundlegenden Bereiche erhebliche Schwierigkeiten. Die Wurzeln dieser Entwicklung liegen in der Kindheit.

Besonders alarmierend: Selbst intelligente Kinder weisen am Ende der Primarschule in den Grundfertigkeiten des Rechnens und Schreibens oft grosse Lücken auf. Dies erklärt auch, warum die Zahl der privaten Nachhilfeinstitute zunimmt.


Das Problem reicht bis zur Matura: Deutschlehrer berichten erschüttert, dass es heute nur noch wenige Maturaarbeiten gibt, die fehlerfrei geschrieben werden. Was früher die Ausnahme war, ist zur Regel geworden – selbst auf höchstem schulischen Niveau fehlen grundlegende Kompetenzen in Rechtschreibung und Grammatik.


Zehn Grundfertigkeiten, die verloren gehen


Die Liste der fehlenden Kompetenzen ist erschreckend konkret:

  1. Die analoge Uhr lesen – Im digitalen Zeitalter wird diese grundlegende Orientierungsfähigkeit vernachlässigt

  2. Schreibschrift schreiben – Eine Kulturtechnik verschwindet

  3. Telefonnummern der Eltern kennen – Im Notfall entscheidend

  4. Die eigene Adresse wissen – Essentiell für die Sicherheit

  5. Geld zählen können – Münzen erkennen und deren Wert verstehen

  6. Schuhe binden – Motorische Grundfertigkeiten gehen verloren

  7. Namen der Eltern kennen – Mehr als nur Vornamen

  8. Das eigene Geburtsjahr wissen – Teil der eigenen Identität

  9. Ein Wörterbuch benutzen – Nachschlagen als verlorene Kunst

  10. Aktiv zuhören und mehrere Handlungsanweisungen verarbeiten – Eine zentrale Lernkompetenz


Weshalb verlieren Kinder diese Grundfertigkeiten?


1. Die digitale Verdrängung

Jede Minute, die ein Kleinkind vor einem Bildschirm verbringt, ist eine verlorene Minute, warnen Forschende. Jede Stunde, die ein Kind in einen Bildschirm schaut, ist eine verpasste Chance für soziales Training. Mit Freundinnen und Freunden spielen, Sport machen und bewegen sind ideale und unerlässliche Teile der sozialen Entwicklung.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 16- bis 19-Jährige verbringen durchschnittlich 4:15 Stunden täglich am Smartphone. Bei jüngeren Kindern ist die Bildschirmzeit zwar geringer, aber die Bildschirmzeit führt zu Veränderungen und Verzögerungen der neuronalen Vernetzungen des Gehirns, besonders bei Kindern, deren präfrontaler Kortex noch nicht ausgereift ist.


2. Der Komfort ersetzt das Üben

Klettverschlüsse statt Schnürsenkel, digitale Uhren statt Zeigeruhren, kontaktloses Bezahlen statt Bargeld – die moderne Welt nimmt unseren Kindern viele Gelegenheiten ab, Grundfertigkeiten zu üben. Was für Erwachsene Bequemlichkeit bedeutet, ist für Kinder verpasste Übung.


3. Veränderte Prioritäten im Elternhaus

Viele Eltern haben falsche Vorstellungen, was Bildschirmzeit für Kinder bedeutet. Sie wollen etwas Gutes tun, weil sie ihre Kinder mit Bildschirmzeit auf die digitale Welt von Morgen vorbereiten möchten. Aber gerade für Kleinkinder trifft das nicht zu.

Gleichzeitig fehlt oft die Zeit: Das Tablet auf dem Tisch beim Essen, das Smartphone im Kinderwagen – digitale Geräte werden zu Beruhigungsmitteln, während das gemeinsame Üben alltäglicher Fertigkeiten auf der Strecke bleibt.


4. Motorische Defizite nehmen zu

Eine aktuelle Schweizer Studie zeigt: Im Bereich "Etwas-Bewegen" hatten 7,5 Prozent und im Bereich "Sich-Bewegen" 17,1 Prozent der Kinder, die 2024 in die Primarschule eingetreten sind, einen Förderbedarf bei den motorischen Basiskompetenzen. Ohne diese motorischen Grundlagen fällt es schwerer, Schuhe zu binden oder eine Schreibschrift zu entwickeln.


5. Fokusverschiebung in der Pädagogik: "Lesen durch Schreiben" ohne Belege

Junge PHZH-Absolventen sagen, sie legten keinen Wert auf Rechtschreibung, weil Rechtschreibung die Kreativität behindere. Diese Haltung hat Konsequenzen: Viele Lernende haben nie aufgehört mit dem phonetischen Schreiben, weil sich das Schriftbild falsch im Kopf festgesetzt hat.


Die Methode "Schreiben nach Gehör" ist höchst umstritten – und die Forschung gibt ihr keine Rückendeckung. Zwei metaanalytische Studien kommen zu übereinstimmenden Ergebnissen: Eine Überlegenheit eines Konzeptes über ein anderes konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Innerhalb einzelner Konzepte werden genauso grosse Unterschiede in den Erfolgen und Nichterfolgen gemessen wie zwischen unterschiedlichen Konzepten.

Dramatischer noch: Eine Längs- und Querschnittstudie der Uni Bonn an 3000 Schülerinnen und Schülern über vier Jahre zeigt, dass der Fibelansatz den beiden anderen deutlich überlegen ist. Ende der 4. Klasse machten die Kinder, die Lesen durch Schreiben gelernt haben, über 50 Prozent mehr Rechtschreibfehler als die Fibelkinder.


Schreiben nach Gehör scheint insbesondere für Legastheniker, Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern und Kinder mit fremdsprachlichem Migrationshintergrund problematisch zu sein. Genau jene Kinder also, die ohnehin schon benachteiligt sind und besonders viel Unterstützung bräuchten, werden durch diese Methode zusätzlich im Stich gelassen.



Die unterschätzte Krise: Verlust der sozialen Entwicklung


Doch es geht um mehr als Lesen, Schreiben und Rechnen. Wir erleben den Verlust grundlegender sozialer Kompetenzen. Ein besonders dramatisches Beispiel: Heute dürfen Jungs auf dem Pausenplatz nicht mehr rangeln. Aus Angst vor der Reaktion der Eltern wird sofort eingegriffen, sobald zwei Kinder körperlich miteinander in Kontakt treten.


Warum Rangeln für Kinder so wichtig ist

Was auf den ersten Blick gefährlich aussieht, ist in Wirklichkeit essenziell für die kindliche Entwicklung. Kinder lernen beim Zweikämpfen das Umgehen mit eigener und fremder Aggression, sie erfahren unmittelbare körperliche Kraft, sie lernen das Verarbeiten von Sieg und Niederlage, sie entwickeln Selbstdisziplin und verbessern ihre Wahrnehmungsfähigkeit im Umgang mit anderen.

Kinder üben durch Rangeln Beziehungen. Sie erproben den fairen, respektvollen Umgang miteinander. Sie lernen, Körperkontakt zu akzeptieren und zu gewähren, die Grenzen des anderen zu erkennen. Und das Entscheidende: In keiner anderen Spielform lernen die Kinder schneller und zuverlässiger Grenzen einzuhalten, als bei Rangel- und Raufspielen.


Die verheerenden Folgen übertriebener Vorsicht

Wenn wir Kindern diese natürlichen Erfahrungen vorenthalten, hat das weitreichende Konsequenzen:

  • Kinder lernen ihre Grenzen nicht kennen – Wer nie erfahren hat, wie viel Kraft zu viel ist, kann seine eigene Kraft nicht einschätzen

  • Soziale Kompetenzen verkümmern – Der Pausenplatz ist ein Ort, an dem Kinder soziale Fähigkeiten entwickeln und Freundschaften aufbauen. Aktive Spiele fördern Teamarbeit und Kommunikation. Die Schülerinnen und Schüler lernen, Konflikte zu lösen und gemeinsam Regeln zu vereinbaren

  • Frustrationstoleranz fehlt – Wer nie verliert, lernt nicht, mit Niederlagen umzugehen

  • Körpergefühl bleibt unterentwickelt – Rangelspiele erfordern ein hohes Mass an Anstrengung und körperlicher Anspannung, es werden sowohl die eigenen Körperkräfte gespürt und erprobt sowie Grenzen erfahren und eingeschätzt


Die Angst vor Elternreaktionen führt dazu, dass Lehrpersonen und Betreuungspersonen präventiv eingreifen – und damit Kindern genau jene Erfahrungen vorenthalten, die sie für ihre soziale und emotionale Entwicklung dringend brauchen.


Mein Appell als Schulpflegerin: Gemeinsam handeln statt Verantwortung verschieben


Als Schulpflegerin sage ich deutlich: Verbote an Schulen sind lediglich eine Verlagerung der Verantwortlichkeiten! Die Schule kann und muss einen Beitrag leisten, aber die Vermittlung dieser Grundfertigkeiten beginnt zu Hause.


Was Eltern tun können:

  • Nehmen Sie sich Zeit für die kleinen, alltäglichen Dinge: Lassen Sie Ihr Kind beim Einkaufen das Geld zählen, üben Sie das Schuhebinden, sprechen Sie über die Uhrzeit an der Wanduhr

  • Reduzieren Sie die Bildschirmzeit bewusst: Für eine gesunde Entwicklung des Kindes sollten keine Bildschirme bis 2 Jahren verwendet werden. Die Bildschirmzeit von Kindern zwischen 2 und 5 Jahren beträgt maximal 30 Minuten pro Tag, aber nicht jeden Tag

  • Lassen Sie Kinder körperlich aktiv sein: Ermöglichen Sie Ihrem Kind, zu rangeln, zu klettern, sich auszutoben – unter Aufsicht, aber mit Freiraum

  • Seien Sie Vorbild: Ihre Kinder beobachten, wie Sie mit analogen und digitalen Medien umgehen

  • Fördern Sie Bewegung: Mit Erreichen des Primarschulalters stehen Kindern viele neue Lerngelegenheiten offen, sowohl schulische als auch ausserschulische


Was die Schule leisten muss:

  • Diese Grundfertigkeiten wieder bewusst in den Schulalltag integrieren

  • Rangeln und Raufen unter Aufsicht ermöglichen – mit klaren Regeln, aber ohne übertriebenes Eingreifen

  • Den Eltern aufzeigen, wo ihre Unterstützung gefragt ist und warum körperliche Auseinandersetzung entwicklungsfördernd ist

  • Den Fokus verstärkt wieder auf die drei grossen G legen: Grundwissen, Grundfertigkeiten, Grundhaltungen

  • Mut haben, wissenschaftlich belegte Methoden einzusetzen – auch wenn sie weniger "modern" erscheinen

  • Mut haben, auch gegen überbesorgte Eltern für das Wohl der Kinder einzustehen


Nur gemeinsam stark

Während die Eltern für Erziehung, Unterhalt, Fürsorge und Ausbildung verantwortlich sind, muss die Schule schulische Kenntnisse und Fertigkeiten vermitteln. Doch diese klare Trennung ist heute nicht mehr zeitgemäss. Wir brauchen eine echte Bildungspartnerschaft.


Mit Blick auf die Chancengleichheit darf es nicht sein, dass Eltern die Aufgaben der Volksschule übernehmen müssen, damit ihre Kinder Basiskompetenzen erlernen. Gleichzeitig darf die Schule nicht allein gelassen werden mit Defiziten, die im Elternhaus entstehen.


Die aktuelle politische Antwort auf diese Herausforderungen lautet vielfach: Frühförderung. Kitas und Vorschulangebote sollen kompensieren, was im Elternhaus fehlt. Doch dieser Ansatz birgt die Gefahr, das Problem lediglich zu verlagern, statt es zu lösen – und bindet dabei erhebliche finanzielle und personelle Ressourcen. Solange in der Volksschule selbst die wissenschaftlich belegten Grundlagen fehlen und bewährte Lehrmethoden zugunsten unbewiesener Konzepte vernachlässigt werden, bleibt Frühförderung Symptombekämpfung. Was es braucht, ist eine konsequente Rückbesinnung auf evidenzbasierte Lehrmethoden, klare Vermittlung von Basiskompetenzen und eine echte Partnerschaft zwischen Eltern und Schule.


Zurück zu den Basics – für die Zukunft unserer Kinder


Die Vorteile unseres technologisierten Lebens sind unbestritten. Doch wir dürfen nicht zulassen, dass grundlegende Kompetenzen dabei auf der Strecke bleiben. Unsere Kinder verdienen es, auf das Leben vorbereitet zu werden – nicht nur digital, sondern auch ganz praktisch, körperlich und sozial. Der Leistungsabfall betrifft vor allem jene Hälfte der Kinder, die durch ihre soziale Herkunft benachteiligt sind. Umso wichtiger ist es, dass wir als Gesellschaft – Eltern, Schulen, Politik – gemeinsam Verantwortung übernehmen.



Andrea Di Biase - Schulpflegerin in Pfäffikon/ZH



Quellen

Bundesamt für Statistik (2024). PIAAC 2024: Lese-, Alltagsmathematik- und Problemlösekompetenzen von Erwachsenen in der Schweiz. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/erhebungen/piaac.html

Bundesamt für Statistik & EDK (2023). PISA 2022: Ergebnisse der PISA-Erhebung 2022. https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-99216.html

Condorcet (2025). Wer hat die Definitionsmacht über die Schulen übernommen? https://condorcet.ch/2025/11/wer-hat-die-definitionsmacht-ueber-die-schulen-uebernommen/

Funke, R. (2014). Erstunterricht nach der Methode "Lesen durch Schreiben". Didaktik Deutsch, 36.

KSW (2025). Lernstörungen bei Kindern und Jugendlichen. https://www.ksw.ch/gesundheitsthemen/lernstoerungen-bei-kindern-und-jugendlichen/

Leßmann, B. (o.J.). Schreiben nach Hören – Schreiben nach Gehör – Lesen durch Schreiben. https://www.beate-lessmann.de/konzept/anfangsunterricht/schreiben-nach-hoeren-schreiben-nach-gehoer-lesen-durch-schreiben.html

Pädagogische Hochschule St. Gallen (2025). Entwicklung motorischer Basiskompetenzen in der Kindheit (EMOKK-Studie). https://stgallen24.ch/articles/305575-phsg-untersucht-motorische-fitness-von-schuelern

Quarks (2018). Darum ist Schreiben nach Hören keine gute Idee. https://www.quarks.de/gesellschaft/bildung/darum-ist-schreiben-nach-hoeren-keine-gute-idee/

Röhr-Sendlmeier, U. & Kuhl, T. (2018). Bonner Studie zur Wirkung verschiedener Ansätze des Lese- und Schreibunterrichts.

SRF (2024). Massnahmen gefordert - Kinder weg vom Handy: «Bildschirmzeit ist verlorene Zeit». https://www.srf.ch/news/schweiz/massnahmen-gefordert-kinder-weg-vom-handy-bildschirmzeit-ist-verlorene-zeit

SVEB (2024). PIAAC-Studie: Lese-, Alltagsmathematik- und Problemlösekompetenzen von Erwachsenen in der Schweiz. https://alice.ch/de/news/piaac-studie-lese-alltagsmathematik-und-problemloesekompetenzen-von-erwachsenen-in-der-schweiz/

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